Physische Mobilität ist auch in Zukunft eine wesentliche Voraussetzung für eine sozial und wirtschaftlich funktionsfähige Gesellschaft. Wie sich heraus gestellt hat kann physische Mobilität durch moderne Telekommunikationstechnologie nur teilweise substituiert werden. Mobilitätsbedürfnisse werden wesentlich von gesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen bestimmt, die einem rasanten Wandel unterworfen sind (zum Beispiel soziodemographischer Wandel, neue Lebensstile, geänderte sozioökonomische Rahmenbedingungen, Veränderung der Raumstrukturen). Durch diese dynamischen Entwicklungen stehen Verkehrssysteme der Zukunft vor großen Herausforderungen. Neue Erkenntnisse aus der Forschung und innovative Entwicklungen können einen entscheidenden Beitrag zur Ermöglichung nachhaltiger Mobilitätslösungen der Zukunft leisten.
Der Bedarf an Mobilität wächst und das Mobilitätsverhalten ist in seinen räumlichen und zeitlichen Mustern wesentlichen Veränderungen unterworfen. Entwicklungstrends, wie flexiblere Arbeitszeiten und veränderte Lebensstile, eine hohe PKW-Verfügbarkeit oder die steigende Zahl von Einpersonenhaushalten, beeinflussen das Mobilitätsverhalten erheblich und führen derzeit zu großen Umweltbelastungen. Die fortschreitende Ausdehnung der Städte und die Entleerung der ländlichen Räume geht nicht nur mit einer verkehrlichen Überlastung der Stadt und des Umlandes einher, sondern führt außerhalb städtischer Agglomerationsräume auch zur Erosion der vorhandenen Verkehrsinfrastruktur und zu einer deutlichen Einschränkung der Mobilitätsmöglichkeiten für bestimmte Personengruppen. Angebote im öffentlichen Verkehr werden nicht selten auf Hauptrouten beschränkt und auf niedrige Bedienfrequenzen reduziert.
Auch die demographische Entwicklung zeigt einen klaren Trend. Bereits im Jahr 2030 wird jede/r dritte ÖsterreicherIn über 60 Jahre alt sein (22 Prozent im Jahr 2007, Quelle: STATISTIK AUSTRIA - Bevölkerungsprognose 2007). Aufgrund wachsender Mobilitätsbedürfnisse der Bevölkerung und der hohen Führerscheinverfügbarkeit bei älteren Personen werden Fahrten von SeniorInnen mit Privat-PKW in Zukunft weiter zunehmen. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass ein wesentlicher Prozentanteil älterer Personen aufgrund physischer oder finanzieller Einschränkungen auf die Bereitstellung öffentlicher Verkehrsangebote angewiesen sein werden. Der Berücksichtigung spezifischer Mobilitätsbedürfnisse einer zunehmend älter werdenden Bevölkerung bei der Ausgestaltung des österreichischen Verkehrssystems kommt daher eine wachsende Bedeutung zu. Aufgrund des demographischen Wandels und jeweils ähnlicher Entwicklungen in ganz Europa wird aber gerade auch mit Blick auf diese Bevölkerungsgruppe ein wachsendes Marktpotenzial für innovative Produktlösungen vorhergesehen.
Hinsichtlich aktueller und zukünftiger Mobilitätsbedürfnisse einzelner NutzerInnengruppen bestehen große Informations- und Wissenslücken, deren Schließung für adäquate und tatsächlich nutzbare Verkehrs- und Mobilitätslösungen von hohem Nutzen ist. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den spezifischen Mobilitätsbedürfnissen bislang benachteiligter Bevölkerungsgruppen, um Chancengleichheit und auch in Zukunft die soziale Teilhabe im Verkehr zu ermöglichen. Mobilität sollte verstärkt auch sozialen Grundsätzen unserer Gesellschaft gerecht werden und darf sich nicht wieder zu einem Privileg bestimmter Bevölkerungsgruppen entwickeln. Eine sozial orientierte Gesamtverkehrsstrategie sowie spezifische Angebote, welche die Bedürfnisse ganz unterschiedlicher VerkehrsteilnehmerInnen, älterer Personen, Frauen, Kinder und Jugendlicher, mobilitätseingeschränkter und weniger mobiler Personen adressiert, muss in der Gestaltung eines zukunftsfähigen Verkehrssystems explizit miteinbezogen werden. Dieses Ziel steht im Einklang mit der Vision einer umfassenden Nutzbarkeit des Gesamtverkehrssystems für alle Bürgerinnen und Bürger Österreichs.
Die Programmlinie ways2go legt ihren Schwerpunkt innerhalb von IV2Splus auf den Personenverkehr. Hierbei werden Vorhaben gefördert, die darauf abzielen, die Wissensbasis zu Zukunftsfragen von Mobilität und Verkehr zu erweitern oder einen Beitrag zur Entwicklung und Erprobung von zukunftsfähigen, nachfragegerechten Verkehrsystemen und Mobilitätslösungen zu leisten. Besonders begrüßt werden interdisziplinäre Forschungsvorhaben, in denen in geeigneter Weise Wissensbestände verschiedener Disziplinen (zum Beispiel Soziologie, Kulturwissenschaft und Sozialanthropologie, Wirtschaftswissenschaft, Demographie, Psychologie, Raum- und Verkehrsplanung, (Sozial)medizin, Kognitionsforschung, Informationstechnologie und Telematik, Fahrzeug- und Umwelttechnik, et cetera) miteinander verknüpft und auf aktuelle und zukünftige Problemstellungen im Verkehrsbereich angewandt werden. Forschungs- und Entwicklungsvorhaben können auf neue technische, aber auch auf nicht-technische Produkte und Anwendungen (Dienstleistungen) abzielen. Hierbei wird ein weitgefasstes Verständnis des Begriffs Technologie zugrunde gelegt.
Die Ergebnisse von Forschung, Entwicklung und Erprobung können sowohl innovative Einzelkomponenten, technische Systemlösungen, neue Organisations- und Betriebsformen, Gestaltungs- und Planungsinstrumente - wie auch Ansätze und Methoden für bewusstseinsbildende Maßnahmen zur Unterstützung und Forcierung nachhaltiger Mobilitätsstile - umfassen. Aspekte eines altersgerechten, sozialverträglichen sowie umweltgerechten und sicheren Gesamtverkehrssystems stehen dabei im Vordergrund.
Besonders erwünscht sind Forschungsvorhaben, die einen Beitrag zur Realisierung barrierefreier Verkehrssysteme im Einklang mit dem Behindertengleichstellungsgesetz in der geltenden Fassung leisten (zum Beispiel durch innovative Lösungen zur konsequenten Umsetzung des "Mehr-Sinne-Prinzips" oder Technologien zur Reduktion physischer oder informationsbezogener Barrieren in Verkehrssystemen). Eine Ausrichtung auf aktuelle und in Zukunft zu erwartende NutzerInnenbedürfnisse wird vorausgesetzt. Eine Orientierung an zukunftsweisenden Gestaltungskonzepten wie "universal design" oder "design for all" ist hierbei anzustreben.
Anmerkung: "Universal Design" oder "design for all" bezeichnet das Design von Produkten und Umgebungen, die für alle weitestgehend nutzbar sein sollen, ohne dass Anpassungen vorgenommen werden müssen oder ein Spezialdesign erforderlich ist.
Um substanzielle Verbesserungen im Verkehrs- und Mobilitätssystem der Zukunft zu erreichen, müssen verkehrliche Innovationen und Technologien aber auch verstärkt bereits in räumliche Planungs- und Entscheidungsprozesse einfließen. Neue technologische Anwendungen können zur Verbesserung von Methoden und Instrumente in der Raum- und Verkehrsplanung eingesetzt werden und verkehrstechnologische Anwendungen sollen in Planungen einfließen. Die Programmlinie unterstützt daher einen Transfer zwischen Verkehrstechnologie, Raumplanung und Verkehrsplanung, damit neue und verbesserte Planungsansätze für die Verkehrssysteme der Zukunft realisiert werden können.
Als Fördergegenstand kommen Projekte in Frage, die zur Verbesserung der physischen Mobilität von Personen (Verkehrswegen) im öffentlichen Raum ("außer-Haus-Mobilität") dienen. Diesen Verkehrswegen liegen zweckgebundene Aktivitäten ("Aktivitätenwege") - nicht jedoch die Ausübung von Mobilität als Selbstzweck (zum Beispiel sportliche Betätigung) - zugrunde. Die Beförderung von Gütern ist nur dann Gegenstand in der Programmlinie ways2go, wenn diese direkt an die Mobilität von Personen geknüpft ist, diese Mobilität unterstützt oder den notwendigen Mobilitätsaufwand reduziert.
Die Programmlinie soll im skizzierten Themenbereich dem Auf- und Ausbau nationaler Kompetenzen und Kapazitäten im Bereich Mobilitätsforschung und relevanter Forschungs- und Technologieentwicklung dienen. Sie soll neben nationalen auch transnationale Forschungskooperationen anstoßen, um einen grenzüberschreitenden Wissensaustausch zu ermöglichen und neue Märkte über Österreich hinaus zu erschließen.
Die Programmlinie ways2go adressiert die folgenden verkehrspolitischen Zielsetzungen:
Aus den themenspezifischen Problemlagen und Programmschwerpunkten lassen sich folgende forschungspolitische Zielsetzungen zusammenfassen:
1.1. Verknüpfung verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen und Auf- bzw. Ausbau von Kompetenzen und Kapazitäten in relevanten Forschungsbereichen; Erreichung einer internationalen Technologieführerschaft für alltags-, altersgerechte und barrierefreie Mobilitätslösungen
1.2. Schließung bestehender Wissenslücken, frühzeitige Identifikation von Entwicklungstrends, Anforderungen von Nutzergruppen et cetra; Analyse künftiger Herausforderungen und Risiken; Herleitung umfassender Verkehrsvermeidungs- und Minderungsstrategien sowie Strategien zur Verbesserung des Verkehrsystems; Entwurf und Erprobung bewusstseinsbildender Maßnahmen zur Motivierung veränderter Mobilitäts- und Lebensstile
1.3. Entwicklung und verbesserte Nutzung bestehender Verkehrssysteme sowie Entwicklung und Erprobung innovativer Verkehrssysteme und Mobilitätslösungen
2.1. zur Verbesserung der Zugänglichkeit, Verfügbarkeit, Nutzbarkeit, Verlässlichkeit und Sicherheit der Verkehrssysteme hinsichtlich Verkehrsmittel, Verkehrsinfrastruktur und begleitender Mobilitätsdienstleistungen für alle
2.2. unter besonderer Berücksichtigung von Personengruppen mit spezifischen Anforderungen (zum Beispiel SeniorInnen, Kinder, Personen mit Migrationshintergrund), Mobilitätseinschränkungen (zum Beispiel Personen mit motorischen und/oder Sinnesbehinderungen, Menschen mit Lernschwierigkeiten) beziehungsweise geschlechtsspezifischen Anforderungen im Verkehr,
2.3. zur Sicherung und Verbesserung der Mobilitätsmöglichkeiten verschiedener Nutzergruppen durch innovative Mobilitätslösungen
3.1. Verbesserung der Datengrundlagen zum Mobilitätsverhalten in Österreich
3.2. Entwicklung und Erprobung innovativer Planungsverfahren und -instrumente
3.3. Berücksichtigung innovativer Verkehrstechnologien in Planungsmaßnahmen