21.08.2009
Format: Frau Bundesministerin, wie beurteilen Sie aktuell die österreichische Forschungslandschaft?
Bures: Die gute Nachricht aus der Evaluierung der gesamten Forschungsförderung durch das Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO): Wir müssen nicht bei null beginnen. Das österreichische Forschungssystem ist grundsätzlich gut. Die andere Nachricht, die aus meiner Sicht gar keine schlechte ist: Wir können noch besser werden. Kurz gesagt, das österreichische Forschungssystem hat uns sehr weit gebracht, nämlich auf Platz sechs der Europäischen Union (EU). Aber jetzt müssen wir zum Sprung in die Top drei der innovativsten Volkswirtschaften Europas ansetzen. Für Österreich ist Forschung und Entwicklung ganz entscheidend, denn wir wollen ja nicht mit den Billiglohnländern konkurrieren. Wir wollen Standort- und Arbeitsplatzsicherheit sowie Wirtschaftswachstum. Und das baut auf Forschung und Entwicklung (F&E) auf.
Format: Wo besteht nun akuter Handlungsbedarf?
Bures: Ganz klar beim Output. Wir müssen anwendungsorientierter werden. Die besten Technologien sind die, die genutzt werden. Niemand wird ein Elektroauto kaufen, wenn er 50 Kilometer bis zur nächsten Ladestation fährt. Das heißt: Wir müssen stärker das gesamte Feld von der Forschung bis zur Anwendung sehen. Deshalb arbeiten wir bereits jetzt, während noch an der Verbesserung der künftigen Elektrofahrzeuge geforscht wird, an einer Markteinführungsstrategie für die Elektro-Mobilität (E-Mobilität). Nur so können wir die Nase vorne behalten.
Format: Und abgesehen von der Konzentration auf Anwenderforschung?
Bures: Aufholbedarf sehe ich auch beim Frauenanteil in Forschung und Entwicklung. Dass Frauen weniger Chancen in diesen Berufsfeldern haben, ist nicht nur ungerecht, sondern auch ökonomisch unklug. Wenn wir, wie gesagt, unter die Top drei der innovativsten Volkswirtschaften Europas aufsteigen wollen, können wir es uns gar nicht leisten, auf das Know-how und die Kreativität eines Teils der Bevölkerung zu verzichten. Wir müssen das gesamte Potenzial der klugen Köpfe nutzen. Und zu diesem Potenzial gehören nun mal Frauen in gleicher Weise wie Männer
Format: Wie attraktiv ist Österreich als internationaler Forschungsstandort?
Bures: Österreich ist nach wie vor ein interessanter Forschungsstandort. Wichtig ist, dass wir die Wirtschaftskrise für die notwendigen Strukturanpassungen nutzen. Die schwedische Präsidentschaft hat es auf den Punkt gebracht: Wir müssen in Europa alles tun, damit wir rasch aus der Krise herauskommen. Entscheidend ist, an welchem Ende wir herauskommen.
Format: Die F&E-Quote ist zuletzt gestiegen – Experten befürchten nun aber Finanzierungslücken.
Bures: Die öffentliche Hand investiert jährlich mehr als zwei Milliarden Euro in die Forschung. Bei naturgemäß begrenzten Mitteln ist der bestmögliche und effizienteste Einsatz gefragt. Deshalb müssen wir als Bundesregierung eine gemeinsame Forschungsstrategie definieren. Ich schlage deshalb vor, dass unter Federführung von Bundeskanzler und Vizekanzler eine nationale Forschungsstrategie erarbeitet wird. Wo wollen wir hin, und was brauchen wir, um unsere Ziele zu erreichen? Wenn die Universitäten, die betriebliche Forschung, die Wirtschaft und vor allem auch der Bildungsbereich auf gemeinsame Zielsetzungen hinarbeiten, werden wir schneller dort sein. Dafür braucht es eine ganz enge Kooperation der zentralen Ressorts Wissenschaft, Wirtschaft, Bildung und Infrastruktur.
Format: Bis wann soll diese Forschungsstrategie umgesetzt werden?
Bures: Man sollte sich die Zeit nehmen und sich nicht jetzt irgendwelche Latten legen. Ob das nun in einem halben Jahr oder in einem Jahr ist: Es geht um die Qualität des Ergebnisses. Wichtig ist jedenfalls, klar zu definieren, wo wir 2020 sein wollen, wie wir dort hinkommen, und die Etappenziele festzulegen.
Format: Sind Sie mit der Kompetenzverteilung zwischen Ihrem Ministerium und dem Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung strukturell zufrieden?
Bures: Ja. Aber es geht weniger um die Zuständigkeiten als um die gemeinsamen Zielsetzungen. Wobei wir ja gleich zu Regierungsbeginn eine Systembereinigung vorgenommen haben. Der Wissenschaftsfonds (FWF) ist zur Gänze in das Wissenschaftsressort gekommen. Das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) ist der zentrale Player bei der anwendungsorientierten, wirtschaftsnahen Forschung. Und wir werden in Zukunft die Politikbereiche Infrastruktur und Technologie stärker verschränken, um noch modernere Infrastrukturen für Verkehr, Energie und Kommunikation zu ermöglichen und gleichzeitig unserer heimischen Industrie in diesen Bereichen einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.
Format: Welche durch die Wirtschaftskrise akut betroffenen Branchen werden besonders unterstützt?
Bures: Die heimische Autozulieferindustrie mit 175.000 Beschäftigten in 700 Betrieben. Als kräftigen Impuls für diese Branche habe ich die Fördersumme für konventionelle und alternative Technologien im Automotivbereich um 50 Prozent erhöht. Für 2009 und 2010 stehen jeweils 60 Millionen Euro zur Verfügung. Damit geben wir dieser Branche, die obendrein weltweit in einer Strukturkrise steckt, die große Chance, die Zeit der Krise zu nützen, um für die Zeit nach der Krise neue, marktfähige Technologien zu haben.
Format: Wo setzen Sie weitere Schwerpunkte bei den Fördergeldern?
Bures: Bei den grünen Technologien. Nach der Internet- und Handytechnologie wird der nächste große Innovationsschub wohl bei den Energie- und Umwelttechnologien liegen. Zwischen 1993 und 2007 hat sich in Österreich die Zahl der Beschäftigten im Bereich der Umwelttechnik von 11.000 auf 22.000 verdoppelt. Das Zukunftspotenzial ist enorm.
Format: Was wäre ein konkretes Beispiel für ein solches Öko-Projekt?
Bures: Ganz toll ist das Haus der Zukunft plus, also das Haus als Energielieferant. Ein solches Vorzeigehaus entsteht derzeit in der Blauen Lagune in Vösendorf bei Wien. Es handelt sich dabei nicht bloß um ein energieautarkes Haus, sondern um ein Aktivhaus, das durch eine Vielzahl von Elementen – von der Bauweise über die Dämmung bis zur Beheizung und Lüftung – sogar einen Stromüberschuss produziert, der ins System eingespeist wird und vielleicht schon bald die vielen neuen Elektrofahrzeuge versorgt. Bis 2011 stellt das BMVIT für die Entwicklung solcher Technologien, für deren industrielle Umsetzung und für Demonstrationsgebäude 35 Millionen Euro zur Verfügung.
[Hinweis: Dieses Gespräch führte Dina Elmani für "Format".]