Wien, 11.06.2010
Format: Was sind die Ziele und Schwerpunkte des Energieforschungsprogramms in Österreich?
Doris Bures: Energieforschung ist die Klammer aller Schwerpunkte, die wir im Forschungs- und Technologiebereich haben. Es geht bei der Energieforschung um die verstärkte Nutzung erneuerbarer Energien, um die Steigerung der Energieeffizienz und um verbesserte Produktionsabläufe.
Format: Wie viel stellt die Regierung für diesen Bereich zur Verfügung?
Doris Bures: In ganz Österreich, also von Ländern, Gemeinden, Bund und Universitäten, werden 70 Millionen Euro jährlich investiert. Allein 50 Millionen Euro kommen davon aus dem Infrastrukturministerium. Das heißt, der große Anteil der Mittel kommt aus meinem Ressort. Trotz des angespannten öffentlichen Haushalts ist Energieforschung einer der Bereiche, die nicht gekürzt werden.
Format: Gibt es Zahlen, wie viele Arbeitsplätze dadurch entstehen?
Doris Bures: Jeder Euro, den wir hier investieren, löst drei Euro an privaten Forschungsinvestitionen aus. Die Zahl der Arbeitsplätze in der Unwelttechnikindustrie liegt derzeit bei rund 22.000. Wir gehen davon aus, dass es bis 2020 zu einer Verdopplung der Stellen kommt.
Format: Welche Bundesländer sind im Bereich Energieforschung stark?
Doris Bures: Drei Bundesländer haben die Themenführerschaft: Wien mit dem Forschungszentrum Austrian Institute of Technology (AIT), die Steiermark und Oberösterreich.
Format: In welchen Energieforschungsbereichen ist Österreich international führend?
Doris Bures: Wir sind in Europa Technologieführer, was intelligente Energiesysteme betrifft, der Fachbegriff lautet Smart Grids. Hier geht es um Fragen der intelligenten Nutzung von Strom, etwa wie die Zeiten, wo Stromreserven vorhanden sind, wie Nachtstrom, besser genützt werden, wie man es anlegt, dass Strom wieder zurück ins Netz eingespeist wird. Wir haben in ganz Europa den größten Anteil an Passivhäusern und sind in diesem Bereich sehr gut unterwegs. Zudem liegen wir bei der Forschung und Entwicklung von Fotovoltaik sowie bei Antriebstechnologien wie zum Beispiel Hybridsystemen im Spitzenfeld.
Format: Welche Länder sind in Sachen Energieforschung Vorbilder für uns?
Doris Bures: Zum Glück hat ganz Europa erkannt, dass in umweltfreundliche Mobilität und Forschung investiert gehört. Die Umweltverschmutzung macht ja auch nicht an den Landesgrenzen Halt. Finnland, die Niederlande und Dänemark haben höhere Aufwendungen für Energieforschung. Wir liegen im guten Mittelfeld.
Format: Wie kann man die Energieeffizienz beim Wohnbau weiter erhöhen?
Doris Bures: Bei bestehenden Gebäuden haben wir noch immer die Bausünden der 60er-Jahre, wo Fragen der Energieeffizienz keine große Rolle spielten. Hier geht es darum, rasch in thermische Sanierungen zu investieren. Im Neubau kann man auf die Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre zurückgreifen, etwa die Nutzung anderer Energiequellen wie Erdwärme. Wichtig wäre, wenn wir die Wohnbauförderungsmittel für den Wohnbau zweckbinden würden. Derzeit ist das leider nicht der Fall.
Format: Sie meinen, nur dann soll es Wohnbauförderung geben, wenn effizient gebaut wird?
Doris Bures: Ja. Wohnbauförderung sollte es nur für den Wohnbau und die Sanierung geben. Derzeit wird von den über vier Milliarden Euro, die an Wohnbauförderung in Österreich zur Verfügung stehen, ein gutes Drittel für andere Vorhaben verwendet.
Format: Was halten Sie von Vorschlägen, den Ankauf von Elektroautos zu fördern?
Doris Bures: Gar nichts. Damit würden wir österreichische öffentliche Mittel in Länder verschieben, die Automobilhersteller haben wie etwa Deutschland, Frankreich oder Japan. Das ist nicht so sinnvoll. Wir sind ein Zulieferland. Daher ist es viel sinnvoller, zu schauen, dass das Geld und die Wertschöpfung in Österreich bleiben. Wir müssen dafür sorgen, dass wir in Forschung und Entwicklung investieren, damit marktfähige Produkte entstehen.
Format: Ist es realistisch, dass bis 2020 mehr als 200.000 Elektroautos (E-Autos) auf unseren Straßen unterwegs sein werden?
Doris Bures: Da schwirren unterschiedliche Zahlen herum. Ich spreche immer von 135.000. Wenn es 200.000 sind, finde ich es natürlich auch gut. Wichtig ist: Die E-Autos müssen marktfähig sein. Zudem muss auch klar sein, dass E-Autos nicht die Lösung aller Mobilitätsprobleme sind. Der öffentliche Verkehr bleibt dennoch enorm wichtig, denn Elektroautos verhindern weder Staus noch Unfälle, außerdem verbrauchen sie genauso Parkplätze.
Format: Wenn Sie bei E-Autos von Marktfähigkeit und Leistbarkeit sprechen, meinen Sie da nur die Anschaffung oder auch den Betrieb?
Doris Bures: Es geht natürlich um beides. Kaum jemand wird sich ein Auto kaufen, das beim Kauf doppelt so teuer ist und diesen Kostennachteil im Betrieb nicht kompensieren kann. Da gibt es dann nur wenige Reiche, die sich das leisten wollen.
Format: Oder Umweltminister.
Doris Bures: Und die, die in der Stadt mit Elektroautos herumfahren, obwohl es die U-Bahn gibt. Ich glaube, dass es machbar ist, dass die Gesamtkosten von E-Autos mit anderen Fahrzeugen vergleichbar werden und diese Autos die Zukunft sind, in einer sinnvollen Kombination mit dem öffentlichen Verkehr.
Format: Der Staat könnte die Kosten für herkömmliche Autos erhöhen, wenn er mehr Mineralölsteuer verlangt.
Doris Bures: Über sonstige ökologische Möglichkeiten in Steuerfragen werden wir ohnehin diskutieren müssen, die Frage „Mineralölsteuer erhöhen – ja oder nein?“ greift da zu kurz.
In ganz Österreich werden von Bund, Ländern und Gemeinden im Jahr rund 70 Millionen Euro für Energieforschung aufgewendet. Der Großteil davon – rund 50 Millionen Euro – stammt aus dem Budget des Infrastrukturministeriums. Von den Mitteln des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie (bmvit) wickelt der Klimafonds 35 Millionen Euro ab, 15 Millionen Euro die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG). Die zuständige Ministerin Doris Bures setzt große Hoffnungen und Erwartungen in diesen Forschungsbereich.
[Hinweis: "Format" Nummer 23/10, das grüne Format, Ressort "Special".]